Facetten der Enkelkinderbetreuung

Dass sich Großeltern um ihre Enkel kümmern und die Elterngeneration bei der Kinderbetreuung entlasten, gehört zu den vielfältigen Leistungen, welche die Generationen füreinander erbringen. Im Rahmen dieses Projekts wurde der Forschungsstand zum Thema Enkelbetreuung aufgearbeitet und anhand eigener Fragestellungen und Analysen weiterentwickelt.

Zielsetzung und methodisches Vorgehen

Es ist davon auszugehen, dass Enkelbetreuung in Ländern mit einem gut ausgebauten und qualitativ hochwertigen Kinderbetreuungssystem weniger häufig anzutreffen ist als in Wohlfahrtsstaaten, in denen Familie und Kindheit als Privatsache gelten. Im Mittelpunkt von international vergleichenden Auswer- tungen standen daher die unterschiedlichen Ausprägungen nationaler Familienpolitiken, die das Ausmaß der großelterlichen Betreuung beeinflussen. Daneben wurde betrachtet, inwieweit sich die weibliche Erwerbsbeteiligung auf die Betreuung von Enkelkindern durch Großeltern auswirkt. Nicht zuletzt wurden kulturelle Eigenheiten unterschiedlicher Länder betrachtet: Sind Großeltern in Ländern, in welchen die intergenerationale Solidarität eine hohe normative Bedeutung hat, stärker in die Betreuung ihrer Enkel eingebunden als in Ländern, in welchen die Eigenverantwortung der Generationen betont wird? Das Forschungsprojekt verfolgte diese Fragestellungen anhand der vier quantitativen Mehr-Länder-Studien SHARE, Eurobarometer, Generations and Gender Survey (GGS) sowie European Social Survey (ESS) und analysiert die Verbreitung und Intensität von Enkelkinderbetreuung in unterschiedlichen wohlfahrtsstaatlichen Regimen.

Die Studie zielte des Weiteren darauf ab zu ermitteln, welche personen- und familienbezogenen Merkmale Einfluss nehmen auf die Enkelbetreuung: Inwieweit variiert das Ausmaß der Enkelbetreuung z. B. mit der räumlichen Entfernung zwischen Großeltern und Enkeln, dem Bildungsniveau, dem Alter und Geschlecht der Großeltern und Enkel, der finanziellen Lage und dem Gesundheitszustand der Großeltern? Investieren Großeltern eher Zeit in die Enkelbetreuung, wenn sie (noch) in einer Partnerschaft leben oder nach der Verwitwung? Inwieweit beteiligen sich Stiefgroßeltern an der Kinderbetreuung? Anhand von Literaturstudien, pairfam-Analysen und den Ergebnissen einer qualitativen Primärerhebung wurden die genannten Dimensionen der großelterlichen Beteiligung an der Kinderbetreuung beschrieben. Außerdem wurde der Frage nachgegangen, welche Auswirkungen die Enkelbetreuung auf die beteiligten Personen und Generationen hat: Kommt es eventuell aufgrund von Meinungsunterschieden über Erziehungsthemen vermehrt zu Konflikten zwischen Großeltern und Eltern?

Ausgewählte Ergebnisse

Der familiale Wandel trägt dazu bei, dass intergenerationale Bindungen vielfältiger werden. Scheidungen, Wiederverheiratungen, die Gründung von Patchwork- und Stieffamilien tangieren die Beziehungen zwischen den Generationen auf vielfältige Weise. Großeltern können bei Scheidungen, dem Auszug eines Elternteils und dem Zusammenziehen mit Stiefeltern und -geschwistern wertvolle, stabile Bezugspersonen für ihre Enkelkinder darstellen. Für die Kinder von Alleinerziehenden wird beispielweise berichtet, dass die Großmutter mütterlicherseits häufig eine sehr bedeutende Rolle im Leben der Enkel spielt (Glaser et al. 2010), wohingegen der Kontakt zu den Eltern des außerhalb des Haushalts lebenden Vaters oft reduziert wird. Der demographische Wandel bewirkt, dass die biologische Großelternschaft tendenziell an Bedeutung verliert, da es aufgrund der gesunkenen Geburtenraten immer mehr enkellose Menschen gibt. Gleichzeitig gewinnt die soziale Großelternschaft in Form von Stief- oder Wahlgroßelternschaft an Relevanz (vgl. Höpflinger 2009). „Mit der erhöhten Scheidungshäufigkeit verbunden, haben sich auch Zahl und Anteil von Zweit- bzw. Fortsetzungsfamilien erhöht, wodurch der Anteil sozialer Großeltern an Bedeutung gewann“ (Höpflinger 2007).

Anhand des Beziehungs- und Familienpanels pairfam lässt sich untersuchen, inwieweit sich Großeltern und Stiefgroßeltern bei der Enkelkinderbetreuung engagieren. Die Tabelle zeigt, wie häufig aus Sicht der befragten Personen ihre jeweiligen Elternteile in den letzten 12 Monaten bei der Betreuung der Kinder Hilfe geleistet haben.

Dabei ergeben sich deutliche Unterschiede bezüglich des Status der Großeltern. Die leiblichen bzw. Adoptiveltern unterstützen ihre Kinder zu höheren Anteilen „oft“ oder „sehr oft“ als die Stiefeltern. Während 12,6 % der Befragten angeben, von ihrer eigenen Mutter „sehr oft“ unterstützt worden zu sein, sind es bei den Stiefmüttern nur 1,2 %.

Tab Enkelkinderbetreuung

Bei den Großvätern ist der Unterschied nicht ganz so deutlich: 9,0 % der Be- fragten geben an, dass ihre leiblichen Väter „sehr oft“ geholfen haben, Hilfe von den Stiefvätern haben 2,7 % erhalten. Auch die Kategorie „nie“ unterscheidet sich stark. Nur 26,1 % bzw. 35,7 % geben an, dass ihre Mütter bzw. Väter nie geholfen haben. Bezogen auf die Stiefmütter und Stiefväter äußern dies jedoch 66,9 % bzw. 53,7 %.

Interessant sind hier auch die Unterschiede hinsichtlich des Geschlechts der Großeltern: Unter den leiblichen bzw. Adoptiveltern leisten die Mütter häufiger Enkelkinderbetreuung als die Väter. Die Differenz in der Kategorie „sehr oft“ beträgt bei Eltern 3,6 Prozentpunkte, in der Kategorie „nie“ sind es 9,6 Prozentpunkte. Bei den Stiefeltern zeigt sich die umgekehrte Struktur nach dem Geschlecht: Stiefväter fallen hinsichtlich der Unterstützung bei der Kinderbetreuung seltener in die Kategorie „nie“ als Stiefmütter (53,7 % gegenüber 66,9 %). Gleichzeitig geben fast 15 % der Personen, die einen Stiefvater haben, an, dass dieser oft oder sehr oft bei der Kinderbetreuung hilft. Dagegen erfahren nicht einmal 8 % der Befragten der mittleren Generation, die eine Stiefmutter haben, von dieser Unterstützung bei der Kinderbetreuung. Ein Grund hierfür könnte sein, dass die Stiefväter i.d.R. mit den leiblichen Müttern der mittleren Generation zusammenleben, welche bekanntlich die intensivste Enkelkinderbetreuung leisten. Daher kümmern sich die Stiefopas vermutlich gemeinsam mit den leiblichen Großmüttern um deren Enkelkinder.

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Projektinfo

Das Projekt wird gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration.

Projektlaufzeit: 1/2011 bis 12/2013

Projektteam: Dr. Tanja Mühling, Dipl.-Soz. Ursula Adam

Veröffentlichungen

Adam, Ursula/Mühling, Tanja/Förster, Mandy/Jakob, Désirée (2014): Enkelkinderbetreuung. Facetten einer wichtigen intergenerationalen Leistung. Opladen, Berlin & Toronto: Verlag Barbara Budrich.

Adam, Ursula/Mühling, Tanja (2014): Grandparental child care in Europe - Results from a study of the Institute for Family Research at the University of Bamberg (ifb). In: ESA-RN13 Newsletter, Nr. 3 (2014-2), S. 4-7.

Adam, Ursula/Mühling, Tanja (2014): Großeltern sind in Europa die wichtigste Form nicht-elterlicher Kinderbetreuung – Individuelle, familiale und institutionelle Einflussfaktoren auf die Kinderbetreuung in Europa. In: GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, Zentrum für Sozialindikatorenforschung (Hrsg.): Informationsdienst Soziale Indikatoren Ausgabe 52, S. 10-14.